Gastfreundschaft, Filoxenia – „Du kommst als Fremder und gehst als Freund“

Interview mit Elissavet Patrikiou

Echt griechisch, Meze und Gastfreundschaft, das sind die drei Bücher von Elissavet Patrikiou. Elissavet ist Fotografin, Kochbuchautorin und eine warmherzige Gesprächspartnerin.

Elissavet Patrikiou
© Elissavet Patrikiou

Wir haben uns zum Telefoninterview verabredet und typisch griechisch, fangen wir nicht sofort an, sondern unterhalten uns erst mal, woher wir kommen und wie wir in Deutschland aufgewachsen sind. Die vorbereiteten Fragen nach griechischen Zutaten, die sie mag, sind schnell vergessen. Wir unterhalten uns lange über „Aufwachsen in Deutschland“ oder genauer gesagt „Aufwachsen im Schwäbischen“. Auch Elissavet ist in Baden-Württemberg groß geworden und hat die Gegend verlassen. Auch sie entdeckt Gemeinsamkeiten zwischen der schwäbischen Mentalität und der Provinz in Nordgriechenland, aus der sie kommt.

 

Ihr erstes Buch „Echt griechisch“, das leider vergriffen ist, ist eine Hommage an ihre Heimatgegend in Griechenland in der Nähe von Kozani. Darin finden sich Rezepte aus der Gegend sowie aus dem Norden Griechenlands, eine abwechslungsreiche Alltagsküche mit Zutaten aus dem eigenen Garten und der Region. Elissavet zeigt, wie diese einfachen Zutaten verwendet werden und bringt uns ein Stück vom Alltag in der griechischen Provinz nahe. Diese Küche hat wenig mit dem gemein, was es hier in griechischen Restaurants gibt.

Elissavet Patrikiou - Gastfreundschaft

Wir kommen auf das Image der griechischen Küche in Deutschland zu sprechen und hier wird es leidenschaftlich. 
Es kann nicht sein, meint Elissavet, was Italiener, Franzosen und Spanier kulinarisch hier geschafft haben. Und wir Griechen haben dieses klischeehafte Image nach Gyros, Fett und Plastikzeug und geschmackloser Küche. Toll, im Urlaub mit den blauweißen Inseln, keine Frage, aber das ist ja nicht das echte Griechenland. Es ist nicht das Festland oder Athen und Thessaloniki. Diese weltoffenen Städte, wo es so viel Kultur gibt, wo es auch einen Underground gibt. Wir Griechen sind ja auch cool. Denkt man gar nicht, aber es ist so. Und ich freue mich, wenn es uns Griechen gelingt, diesem Klischee etwas entgegenzusetzen und ein anderes Bild von Griechenland zu zeigen, wie es Freunde von mir tun wie Linda Zervakis oder Michalis Pantelouris. Das versuche ich auch mit meinen Kochbüchern. Wir haben nicht nur die Inselküche oder Gyros, sondern wir essen wahnsinnig viel Gemüse. Es gibt eine Geschichte hinter unseren Gerichten.

Hast Du deshalb Deine griechischen Kochbücher gemacht?
Ja, Meze, Echt Griechisch, Gastfreundschaft, das sind meine Herzensprojekte. Das sind Bücher, die ich unbedingt machen wollte, egal ob sie jemand kaufen will oder nicht. Die Themen liegen mir einfach am Herzen. Die beiden griechischen Kochbücher, um dieses Land einfach noch mal ganz anders zu zeigen, jenseits von Klischees. Und wichtig ist mir mein neues Buch mit dem Thema Gastfreundschaft.

Gastfreundschaft von Elissavet PPatikiou
Gastfreundschaft von Elissavet Patrikiou

Wie entstand die Idee zum Buch GastfreundschaftEine Freundin brachte mich darauf, sie meinte, ich solle ein Buch über mich oder besser gesagt über das Leben um mich herum zu machen, um mein Umfeld und meine Freunde. Damit konnte ich zunächst nicht so viel anfangen, aber ich habe immer wieder darüber nachgedacht. Ich fand die Idee toll, mit Menschen, die ich schätze und die ich lieb habe ein Buch zu machen. Sie hat mich dann darin bestärkt, es einfach zu machen. Ich fing an, daran zu arbeiten und es Verlagen anzubieten. Es gab nur Absagen, sie wollten einfach kein Buch machen, in denen Flüchtlingsthemen vorkommen oder gar Kopftücher. Aber das war ja gar nicht das Thema. Mit ist dann tatsächlich aufgefallen, dass es so ein Buch gar nicht gibt. Es gibt zwar Reisekochbücher, z.B. über die Türkei mit Rezepten. Dort dürften dann auch Frauen mit Kopftüchern vorkommen. Aber es gibt kein Buch, das die Menschen hier aus verschiedensten Kulturen ganz selbstverständlich im Miteinander zeigt. Wie miteinander gekocht und miteinander gegessen wird und vor allem zusammen Zeit verbracht wird. Es ist bereichernd in die Kochtöpfe von Menschen aus aller Welt zu schauen: wie kochen und essen die Deutschen, wie die Griechen? Wie Menschen aus Sri Lanka, der Türkei, dem Iran, Vietnam, Brasilien und aus vielen anderen Ecken der Welt? Wie fühlt es sich an, zusammen am Tisch zu sitzen? Zusammen essen hat etwas Magisches, zwischen Gast und Gastgeber entsteht eine Beziehung. Diese Gastfreundschaft wollte ich zeigen. Das hat mich dann richtig gepackt, aber es gab weiterhin nur Absagen zu diesem Projekt. Dennoch waren Michalis Pantelouris, der die Texte geschrieben hat und meine Gestalterin Jeanne sofort dabei. Wir sind dann mit einem Exposé auf die Buchmesse, und dort haben sie es uns aus der Hand gerissen.

Wie ging es dann weiter?
Ja, dann ging die Arbeit an dem Buch los. Und ich habe das Buch ja nicht allein gemacht. Jeder der darin vorkommt hat seinen Teil beigetragen und ich hoffe, dass dieses Gefühl des selbstverständlichen Miteinanders rüberkommt. 

Elissavet Patrikiou

Dein Buch heißt Gastfreundschaft, Filoxenia auf griechisch. Was bedeutet das für Dich?
In Griechenland ist es schon einzigartig. Filoxenia, allein was dieses griechische Wort für Gastfreundschaft ausdrückt. Du kommst als Fremder und gehst als Freund. Das sagt ja schon alles und das ist sehr Griechisch. In Griechenland ist es einfach selbstverständlich. Was von seinem Essen abgeben, ist zum Beispiel selbstverständlich. Oder, dass jemand ohne Voranmeldung zu Dir nach Hause kommt und Du stellst ihm sofort etwas zum Trinken hin oder etwas zum Essen hin, ohne große Vorbereitung. Das finde ich schon sehr besonders in Griechenland.

Und wie erlebst Du Gastfreundschaft in Deutschland?
Hier in Deutschland empfinde ich es auch so, etwas anders vielleicht. Durch die Vielfalt über so viele Generationen hinweg gibt es diese Selbstverständlichkeit auch hier und die Gastfreundlichkeit hat sich verändert. Die Gastarbeiterfamilien haben ja etwas mit dem Land gemacht, insbesondere mit der Esskultur. 

Du bist in Baden-Württemberg groß geworden und lebst jetzt in Hamburg. Du liebst Thessaloniki und stammst aus der griechischen Provinz. Wo ist für Dich Heimat?
In Hamburg habe ich meine Heimat gefunden. Hier kommt man ganz leicht mit Menschen in Kontakt, etwas, was vom Schwäbischen nicht kenne. Für mich war damals klar, ich muss hier in Hamburg leben und dann bin ich vor 10 Jahren hierhergezogen. Du kommst hier schnell mit Menschen in Kontakt.Ich glaube Menschen, die in Hafenstädten leben, sind generell offener, in Thessaloniki erlebte ich das auch so, als ich an meinem Buch „Meze“ gearbeitet habe. Ich kannte wirklich niemanden und hatte nur ein paar Wochen Zeit. Ich bin einfach in die Läden, die ich toll fand, reingegangen und dann kam eines zum anderen. So eine Hilfsbereitschaft habe ich dort erlebt. Ich bin mit den Restaurantbesitzern zum Teil immer noch in Kontakt oder eng befreundet und das über Jahre. In Kozani, wo ich herkomme, sind die Menschen wiederum ganz anders, die sind eher wie die Schwaben. Die Menschen sind zurückhaltender. Städte am Wasser, die haben etwas für mich, allein die unterschiedlichen Viertel, auch die Rotlichtviertel. An Hafenstädten gab es schon immer eine bunte Mischung von allen.

"Du schlägst eine Seite um, und bist in einer anderen Welt"

Gastfreundschaft Elissavet Patrikiou
© Elissavet Patrikiou

Was fasziniert Dich daran?Diese bunte Mischung von unterschiedlichen Menschen und das zeige ich auch im Buch Gastfreundschaft. Charlie zum Beispiel, der ein erfolgreiches Tatoo-Studio betreibt. Er ist Mitte 50 und einer der warmherzigsten und hilfsbereitesten Menschen, die ich kenne, was er macht, macht er mit Leidenschaft, ob es darum geht, Wünsche seiner Kunden zu realisieren oder für uns ein leckeres Kartoffelcurry zu kochen . Und dann ist ein paar Seiten weiter Maria. Maria ist meine über 70-jährige griechische Schneiderin, die wie eine Elfe aussieht in ihren Kleidchen, immer gepflegt. Maria betreibt seit 40 Jahren eine Schneiderei in Hamburg. Sie kocht typisch griechisch und in ihrer Küche duftet es nach Hühnersuppe mit Avgolemono. Geflüchtete aus Syrien mit denen wir gemeinsam gekocht haben finden sich mit ihren Rezepten im Buch und dann schlägst Du die Seite um und siehst Felix. Felix ist auf Norderney Küchenchef in einem der feinsten Hotels und einer der besten Köche, den wir in Deutschland haben. Leonie, die immer lacht, kocht für uns die leckersten Currys aus ihrer Heimat Sri Lanka. Das ist für mich normal. Du schlägst die Seite um und bist immer in einer anderen Welt, aber uns verbindet etwas. Und das war mir so wichtig, zu zeigen, wie diese Menschen leben und zusammen kochen, ohne dass Einkommen oder Herkunft eine Rolle spielen. In dem Buch ist alles dabei, kreuz und quer, verschiedenste Generationen, Menschen, Länder und natürlich großartige Rezepte.

Gibt es etwas, was Dich besonders beeindruckt hat?
Ich habe nichts inszeniert für das Buch, ich habe niemandem gesagt, was er kochen soll, ich habe niemandem gesagt, wen er einladen soll oder wie viele oder auch wo. Die Vorgabe die ich gemacht habe war, dass wir alle gemeinsam eine schöne Zeit machen. „mach, was Du willst, lade ein, wen Du möchtest, koche, was Du möchtest, so dass Du Dich wohlfühlst.“ Was mich fasziniert hat, waren diese ganz besonderen Momente, die wir zusammen verbracht haben und dass immer eine Verbindung untereinander und ein gemeinsames Gefühl entstanden ist. Ich kannte ja auch die Freunde meiner Freunde nicht immer, aber es hat immer gepasst und es war immer schön. Und was noch faszinierend für mich war, dass das alles so gut geklappt hat.

Elissavet Patrikiou

Gab es Unterschiede?  Gab es Gemeinsamkeiten?
Also, was wir immer hatten, war ein Termin, der stand fest. Man sagt ja oft, komm wir treffen uns zum Essen und dann geht das doch meist unter im Alltag. Das war schön, denn dieser feste Termin hat erst Begegnungen nach manchmal langer Zeit zwischen Freunden möglich gemacht. Die Freude darüber, sich zu begegnen, gemeinsam am Tisch zu sitzen und gemeinsam zu essen, das war bei allen das gleiche Gefühl. Und eine besondere Nähe ist immer entstanden. Wenn Du mit einem Menschen zusammen am Tisch gesessen und zusammen gegessen hast, entsteht eine ganz andere Nähe und Verbundenheit, als wenn man zum Beispiel in ein Café geht und einfach einen Kaffee trinkt. Und wenn dann der Gastgeber noch ein Essen aus seiner Heimat kocht und Dir z.B. sein Currygericht von der Mama aus Sri Lanka auftischt, dann kommt man sich schnell nahe. Vor allem weil Leonie aus Sri Lanka normalerweise niemanden in ihrer Küche haben will, wenn sie kocht. Unterschiedlich waren eigentlich nur die Küchen, Zubereitungen, Rezepte, Vorlieben beim Kochen etc. Und natürlich die Orte, die Freunde der Gastgeber, es hat schon etwas von Eintauchen in eine andere Welt, aber die Gefühle rund um unsere Begegnungen waren bei allen gleich.

Ein paar Tage nach diesem Interview halte ich das Buch Gastfreundschaft in meinen Händen und kann endlich darin blättern. Wahnsinnig schöne Fotos, was nicht überrascht, wenn man Elissavet Patrikious Arbeiten kennt. Stimmungsvolle Texte aus der Feder von Michalis Pantelouris. Vielversprechende und appetitliche Rezepte, lachende Menschen, denen man anmerkt, dass sie Spaß haben. Einfach echt, genauso echt und ungekünstelt wie Elissavet ist. Eine bunte Mischung ist dieses Buch, ein Satz den Elissavet ganz häufig im Interview gesagt hat.  Als ich nach zwei Stunden sehr kurzweiligem Interview den Hörer auflege, weil der Akku einfach nicht mehr mitmacht, bleibt mir dieser Gedanke nach Filoxenia, „Du kommst als Fremder und gehst als Freund.“ 

Optisch ein Genuss: die Bilder auf der Homepage von Elissavet Patrikiou

Ein Genuss zum Blättern und zum Nachkochen: Bücher von Elissavet Patrikiou